4. Mai 2010 - 23:23 Uhr
Wer mich außerhalb dieses Blogs kennt, genauer gesagt, wer mich näher kennt als meist zufällig in dieses Blog stolpernde Leser, weiß das ich Facebook-süchtig bin. Oder, auch hier genauer gesagt, war. Denn Facebook ist langweiliger geworden. Es interessiert mich einfach nicht, wer gerade in welche dumme Gruppe in Stil von “Ich finde Brünette sexier als wie Blonde”, “Ich bin eine Prinzessin” oder “Jaqqeline, komm wech von die Regale, du Arsch!” eingetreten ist. Was mich interessiert ist was meine Friends gerade machen, welche Bilder sie geschossen haben, welchen Film sie gesehen haben, wo sie hingehen, wo sie waren, was wir zusammen unternehmen können. Was mich interessiert: wie bleibe ich mit den Menschen in Verbindung, über die ich mich in real life freue, wenn ich sie sehe.
Und jetzt diese immer hitziger werdende Diskussion über Privatsphäre. Ziemlich zweischneidiges Schwert, dieses Thema. Man kann sich fragen, wie viel Recht auf Privatsphäre jemand für sich beansprucht oder beanspruchen kann, der in einem Postkarten-Medium – denn nichts anderes ist das Internet ohne weitere Schutzvorkehrungen – private Dinge quer durchs Netz auf irgendwelche über den Globus verteilten Server postet. Die Diskussion ist sogar so heiß, dass sich unsere Verbraucherschutzministerin einschaltet. Liebe Ilse, kümmer dich doch bitte um Dinge, die wichtiger sind. Um Nahrungsmittel zum Beispiel. Denn bei denen kann man sich im Gegensatz zu Facebook nicht aussuchen, ob man in den Club eintreten möchte. Anders gesagt: die Mitgliedschaft in einer Social Community ist kein Menschenrecht.
Und Mitgliedschaft bringt mich dann auch zur Motivation dieses Posts. Es ist schon befremdlich, dass sich zehntausende Mitglieder in Gruppen mit Aussagen wie “Wenn Facebook was kostet bin ich raus” tummeln. Ist ja auch kein Wunder, denn einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren des Internet ist die “Kostenlos-Kultur”. Die geniessen wir natürlich alle. Würde jemand ernsthaft bestreiten, dass die Explosion in der Zahl von DSL-Anschlüssen um die letzte Jahrtausendwende durch Filesharing zumindest wesentlich angetrieben wurde? Wie sagt der Volksmund? Umsonst ist nur der Tot, und der kostet das Leben. Und Facebook kostet die Privatsphäre, wenn man es sich sonst nichts kosten lassen will. Ganz ganz einfach. Wie teuer mag es eigentlich sein, eine hoch entwickelte Plattform zu entwickeln und zu betreiben, die mittlerweile fast 400 Millionen Menschen benutzen? Die 1 Milliarde Posts pro Tag verdaut? Ich hab keine Ahnung, wie viel es tatsächlich ist, aber es wird nicht unter sehr hoch fünfstellig pro Tag kosten. Vielleicht sogar sechsstellig?
Wer soll das finanzieren? Das Gros der Mitglieder auf jeden Fall nicht. Denn was mit denen passiert, wenn Facebook auf die Idee käme, sich plötzlich über Abogebühren zu finanzieren ist klar. Sie wären weg, ganz einfach. Und das nervt im Sinne einer auch nur halbwegs ausgewogenen Diskussion. Denn es gibt keine Art von Recht, weder ein moralisches und ganz besonders kein finanzielles, welches besagt, dass Hunderte von Millionen Menschen freiwillig eine Plattform verwenden und gleichzeitig verlangen dürfen, dass sie dafür nicht einen Teil ihrer Freiheit aufgeben. Oder mit ihrer Freiheit, sprich: ihrer Privatsphäre bezahlen müssen. Denn diese ist Geld wert – das war Freiheit in einer Welt begrenzter Ressourcen übrigens immer schon. Und damit möchten sich Mr. Zuckerberg und seine Business Angels und Anteilseigner teure Autos und Villen kaufen. Man könnte auch sagen: sie möchten sich ihre Definition von Freiheit bezahlen lassen. Denn Freiheit ist Geld wert.