Für wie doof?
Zwei Dinge, die mir heute, an einem – bisher – völlig IT-freien Tag hängen geblieben sind, doch irgendetwas mit dem Thema zu tun haben und vor allem so dermaßen verbogen sind, dass sie an Lügen grenzen.
1. Heute Mittag im Radio gab’s wieder neue Enthüllungen über den Umfang der Spitzelaffäre bei der Bahn. Es wurde auch in den Mails von GDLern geschnüffelt. Ob der per Mail verschickte Streik-Aufruf illegal war kann ich nicht beurteilen, würde es aber stark anzweifeln. Aber richtig groß ist die Aussage, dass man der Sache erst so richtig nachgegangen ist, weil durch die “im großen Umfang” verschickten Mails das interne Mailsystem der Bahn zusammengebrochen ist. Was wollte ich sagen… richtig, ROFL. Laut Wikipedia hatte die Bahn 237.078 Mitarbeiter zum 31.12.2007. Ich würde stark vermuten, dass die Mailserver auf solche Größenordnungen ausgelegt sind. Dementsprechend kann wohl kaum eine, oder von mir aus fünf, Mails die jeweils an einen Mitarbeiter geschickt wurden, die Server zusammenbrechen lassen. Das hört sich aber ganz toll an und ist bestens geeignet die öffentliche Meinung zu manipulieren. Und irgendwie isses auch ein bißchen terroristisch, oder?
2. “Tipps und Informationen für Eltern zum richtigen Umgang mit dem Urheberrecht”. Plötzlich befand sich diese dilletantisch auf spritzig getrimmte Broschüre auf dem Tresen der Videothek vor meinen Augen. Ich denk, greif’se direkt ma zu, nich? Auf der zweiten Seite begrüsst mich unsere Justizministerin Brigitte Zypries. Als treuer Staatsbürger habe ich selbstverständlich gelesen, was sie mir wichtiges mitzuteilen hatte: “…beläuft sich der wirtschaftliche Schaden durch Produktpiraterie und Markenfälschungen allein in Deutschland auf ca. 30 Milliarden Euro pro Jahr”. Uiuiui. Das stimmt nachdenklich. Vor allem wenn man bedenkt, dass da fröhlich einige Dinge, die gar nichts miteinander zu tun haben, in einen Topf geschmissen werden. Dramatisch wird es dann bei “Ungefähr 70.000 inländische Arbeitsplätze gehen dadurch jährlich verloren”. Und nicht nur das, durch Verbreitung illegaler Kopien können “attraktive Ausbildungsplätze, z.B. in der Filmbranche, … nicht mehr angeboten werden” oder, besonders dreist, “wird die kulturelle Vielfalt eingeschränkt” weil die Unternehmen immer weniger Mittel für kleine, innovative Projekte einsetzen können. Ich seh sie vor mir, die traurigen Augen der Filmstudenten die vor verschlossenen Hörsaalen stehen, weil Hänschen Müller seine Filme aus dem Netz saugt. Und die abgrundtiefe Verzweiflung in der Chefetage von z.B. Bertelsmann, weil man das in der Vergangenheit immer üppige Budget für Autorenfilme zusammenstreichen musste. Ich kann mich auf jeden Fall nicht erinnern, dass Medienkonzerne in meiner Jugend zur kulturellen Vielfalt beigetragen hätten. Wie denn auch? Die teuren Produktions- und Vermarktungsketten lassen doch gar keinen Platz für Dinge, die nicht in irgendeiner Form massentauglich sind. Kulturelle Vielfalt hat sich für mich dagegen in den letzten Jahren durch das Web eröffnet: kleine Bands, Musiker aus Leidenschaft, schräge Typen, die ich mit Sicherheit niemals im Mediamarkt gefunden hätte. Ihr könnt euch also eure “kulturelle Vielfalt” gerne in eure Dunkelkammern schieben, ich bleib bei meiner.
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