Ein Wort zur Facebook Diskussion
Wer mich außerhalb dieses Blogs kennt, genauer gesagt, wer mich näher kennt als meist zufällig in dieses Blog stolpernde Leser, weiß das ich Facebook-süchtig bin. Oder, auch hier genauer gesagt, war. Denn Facebook ist langweiliger geworden. Es interessiert mich einfach nicht, wer gerade in welche dumme Gruppe in Stil von “Ich finde Brünette sexier als wie Blonde”, “Ich bin eine Prinzessin” oder “Jaqqeline, komm wech von die Regale, du Arsch!” eingetreten ist. Was mich interessiert ist was meine Friends gerade machen, welche Bilder sie geschossen haben, welchen Film sie gesehen haben, wo sie hingehen, wo sie waren, was wir zusammen unternehmen können. Was mich interessiert: wie bleibe ich mit den Menschen in Verbindung, über die ich mich in real life freue, wenn ich sie sehe.
Und jetzt diese immer hitziger werdende Diskussion über Privatsphäre. Ziemlich zweischneidiges Schwert, dieses Thema. Man kann sich fragen, wie viel Recht auf Privatsphäre jemand für sich beansprucht oder beanspruchen kann, der in einem Postkarten-Medium – denn nichts anderes ist das Internet ohne weitere Schutzvorkehrungen – private Dinge quer durchs Netz auf irgendwelche über den Globus verteilten Server postet. Die Diskussion ist sogar so heiß, dass sich unsere Verbraucherschutzministerin einschaltet. Liebe Ilse, kümmer dich doch bitte um Dinge, die wichtiger sind. Um Nahrungsmittel zum Beispiel. Denn bei denen kann man sich im Gegensatz zu Facebook nicht aussuchen, ob man in den Club eintreten möchte. Anders gesagt: die Mitgliedschaft in einer Social Community ist kein Menschenrecht.
Und Mitgliedschaft bringt mich dann auch zur Motivation dieses Posts. Es ist schon befremdlich, dass sich zehntausende Mitglieder in Gruppen mit Aussagen wie “Wenn Facebook was kostet bin ich raus” tummeln. Ist ja auch kein Wunder, denn einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren des Internet ist die “Kostenlos-Kultur”. Die geniessen wir natürlich alle. Würde jemand ernsthaft bestreiten, dass die Explosion in der Zahl von DSL-Anschlüssen um die letzte Jahrtausendwende durch Filesharing zumindest wesentlich angetrieben wurde? Wie sagt der Volksmund? Umsonst ist nur der Tot, und der kostet das Leben. Und Facebook kostet die Privatsphäre, wenn man es sich sonst nichts kosten lassen will. Ganz ganz einfach. Wie teuer mag es eigentlich sein, eine hoch entwickelte Plattform zu entwickeln und zu betreiben, die mittlerweile fast 400 Millionen Menschen benutzen? Die 1 Milliarde Posts pro Tag verdaut? Ich hab keine Ahnung, wie viel es tatsächlich ist, aber es wird nicht unter sehr hoch fünfstellig pro Tag kosten. Vielleicht sogar sechsstellig?
Wer soll das finanzieren? Das Gros der Mitglieder auf jeden Fall nicht. Denn was mit denen passiert, wenn Facebook auf die Idee käme, sich plötzlich über Abogebühren zu finanzieren ist klar. Sie wären weg, ganz einfach. Und das nervt im Sinne einer auch nur halbwegs ausgewogenen Diskussion. Denn es gibt keine Art von Recht, weder ein moralisches und ganz besonders kein finanzielles, welches besagt, dass Hunderte von Millionen Menschen freiwillig eine Plattform verwenden und gleichzeitig verlangen dürfen, dass sie dafür nicht einen Teil ihrer Freiheit aufgeben. Oder mit ihrer Freiheit, sprich: ihrer Privatsphäre bezahlen müssen. Denn diese ist Geld wert – das war Freiheit in einer Welt begrenzter Ressourcen übrigens immer schon. Und damit möchten sich Mr. Zuckerberg und seine Business Angels und Anteilseigner teure Autos und Villen kaufen. Man könnte auch sagen: sie möchten sich ihre Definition von Freiheit bezahlen lassen. Denn Freiheit ist Geld wert.
Kategorie: Allgemein 3 Kommentare »

am 5. Mai 2010 um 14:07 Uhr | #
Lieber Claus!
Dein Artikel ist schön, aber falsch.
Die Rechnung “Kostenlose Online Präsenz kostet die Privatsphäre” ist eine echt naive Wiederholung des merkantilen Musters. Kostenlose Online Dienste verdienen nicht damit, dass sie meine Daten öffentlich machen. Dann müssten auch alle Mails meines Gmail Accounts für alle lesbar sein. Online Dienste können z.B. damit Geld verdienen, dass sie mir Werbung präsentieren, die zu meinem Profil passt. Und dazu muss kein anderer Nutzer dieses Profil kennen.
Die leichtfertige Achsel-zuck-Mentalität, die manche an den Tag legen, wird sich in dem Moment erledigt haben, wo der Betreffende seinen Traumjob nicht bekommt, weil der Personaler auf der anderen Seite eine alte Äußerung recherchiert hat, die man irgendwann mal einem Freund gegenüber gepostet hat, und die sich kritisch zu vergleichbaren Produkten oder Technologien äußert, die der jetzt ersehnte Arbeitgeber anbietet. Oder wo Leute entnervt und massenhaft Online Dienst verlassen, weil Trolle ihre Daten kopiert und neue Accounts damit angelegen (inklusive Bild und Freundesliste), die sie dann nachträglich mit NS-Symbolen und rassistischen Sprüchen verzieren.
Ich halte es z.b. für eine völlig angemessene Vorstellung, wenn persönliche Daten nur meinem Freundeskreis eröffnet werden. Denn, wie Du so schön schreibst, sind das genau die Leute, die mich interessieren, und denen ich gegenüber offen sein möchte. Der “Postkartencharakter des Internet”, wie Du es beschreibst, ist eine Kindheits-Erscheinung, die sich in dem Moment erledigt hat, wo Online-Präsenz aus dem gesellschaftlichen Experimentierstadium heraus ist (denn da befinden wir uns gerade).
Jeder sollte über das Maß seiner Öffentlichkeit selber bestimmen können. Und das werden auch alle kostenlosen Online Services in absehbarer Zeit implementieren, denn ihre Profitabilität hängt nicht davon ab. Im Gegenteil: Diejenigen Dienste, die die Privatsphäre ihrer Nutzer schützen, werden mehr Zulauf haben, und desshalb mehr verdienen.
am 5. Mai 2010 um 19:48 Uhr | #
Thomas, vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich kann dir natürlich nicht zustimmen
Beispiel Google (und direkt ein sehr gutes): Google kann sich die unglaubliche Großzügigkeit mit der es das Web und uns verführt deswegen leisten, weil Google 99% seines Umsatzes (wenn ich mich recht erinnnere) damit macht, dass *wir* Google zu dem machen was es ist. Klar muss Google daher für Gmail nichts verlangen. Für Google ist Werbung auch nur wegen der unglaublichen Anzahl von Usern lukrativ, will sollte man mit Klickraten im Promille Bereich sonst ein Imperium aufbauen können? GMX und Web.de müssen Premium Accounts anbieten, und zwar deswegen weil sie zu klein sind.
Ja, jeder sollte über das Maß seiner Öffentlichkeit frei bestimmen können. Zu behaupten, das kostenlose Online Präsenz die Freiheit kostet, ist nicht naiv, sondern die Welt in der wir leben. Es kostet zumindest mal die Freiheit (Beispiel Freemailer), dass ich nicht mit häßlicher und aufdringlicher Online Werbung bombardiert werde, wenn ich mich in der “Privatsphäre” meines Postfachs bewege. Es kostet zwangsläufig mehr, wenn 400 Millionen Menschen einen Dienst verwenden und keiner von denen auf Werbung klickt. Gerade diese riesige Menge von Usern bei einem Anbieter – also einer Stelle, an der die Kosten auflaufen! – macht es unumgänglich das zu monetarisieren.
Die einzig vorstellbare Option für “Online Freiheit” ist folgende: ein nicht unter der Kontrolle eines Unternehmens stehender Technologiemix. Die Masse von hunderten von Millionen Usern muss abgefedert werden durch die Großzügigkeit eines kleinen Prozentsatzes von Usern, die zum Beispiel ihren privaten Webspace zu einem bestimmten Teil der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Das werden die geistigen Brüder derer sein, die in ihrer Freizeit Open Source Software entwickeln. Die große Masse der Menschen wird weiterhin die von anderen bereitgestellten Dienste kostenlos nutzen wollen, ohne sich zu fragen, was das eigentlich kostet. In dem Zusammenhang würde mich übrigens interessieren, wieviele Filesharer ein Problem mit downloaden für umme hätten, wenn sie selber Rechteinhaber von digital kopierbaren Inhalten wären. Die Welt sähe ein wenig anders aus, aber das kann ich natürlich nur vermuten. Und eigentlich ist das schon fast wieder ein anderes Thema
am 5. Mai 2010 um 22:43 Uhr | #
Nun, mir ging es nicht um “free as in free beer” im Allgemeinen, sondern um die Privatsphäre im Besonderen. Und ich sehe keinen Grund, daß die nicht auch bei kostenlosen Diensten gewahrt werden kann, im Gegenteil. Daß ich mir bei einem Freemailer mehr oder weniger aufdringliche Werbung ansehen muß, ist ein anderes Thema. Und ob GMX und Web.de darauf angewiesen sind, Premium Accounts anzubieten, oder damit nur ihren Gewinn steigern, vermag ich nicht zu beurteilen. Darüberhinaus sollte man auch nicht vergessen, daß es durchaus “free as in free beer” Angebote geben kann, dank großer Spender (sprich: Firmen, die es sich leisten können) oder vieler kleiner (z.B. bei Wikipedia).